Mainz meets hollywood
Sabine Kampmann dt.


Lieder, die die Kunst schreibt
Constanze Musterer dt.

Willkommen in
Hobbywood

Uli Wegenast dt.

punching through the screen
Heidi Fichtner engl/dt

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ANNETTE HOLLYWOOD

Kunstforum International 2010

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absolut annette hollywood

ein Glossar von
Verena Kuni, 2006

Rede anlässlich der Werkschau von annette hollywood beim Stuttgarter Filmwinter

Ulrich Wegenast


WILLKOMMEN IN HOBBYWOOD


Willkommen in Hobbywood! Diese simple aber unschlagbare Umformung des Wortes stammt vom Braunschweiger Super 8-Filmer Stefan Möckel und trifft aber auch auf ganz andere Weise auf die Arbeiten von annette hollywood zu.

Ihre Videos, Performances und Installationen dringen in die Repräsentationsschematas der Massenmedien ein. Gleichzeitig reichert sie das gefundene Material mit ihrer Person bzw. persönlichen Aufnahmen an.
Dabei dient sie jedoch lediglich als Platzhalter nach dem Motto „This film is not about me. It’s everybody’s history... Who do you want to be“, das sie in einem Song für ihr Video „Everybody’s History“ vertont hat.

Ihre Arbeiten sind nicht nur Reflexionen unterschiedlicher Genres der Massenmedien wie Soapoperas und Spielfilme, sondern humorvolle Analysen der darin vorkommenden Rollenbilder von bildenden Künstlern. Sie hat die dekonstruktivistischen Verfahren der feministischen Filmkritik fortgeführt und wendet sie in einem erweiterten Kontext an. Mit minimalistischen Mitteln, Low Tech-Attitüde und der Lust an der Aneignung überarbeitet sie ihre filmische Beute.
Es ist aber nicht nur das Interesse in den populären Medien zu agieren, das hollywood umtreibt, sondern diese eigenartige Ambivalenz zwischen Anziehung und Abstoßung von klischierten Medienbildern und den innewohnenden Ritualen. Dabei geht es hollywood nicht nur um eine Unterminierung ikonologischer Festschreibungen der Massenmedien, sondern auch um die „institutional critique“ am Betriebssystem Kunst. Wer ist schuld an den heutigen Künstlerclichés, wie sie hollywood anhand der Künstlergrößen Rembrandt, Van Gogh und Warhol in ihre hollywood art history exemplifiziert: Der Künstler, die Kunstgeschichte, die Massenmedien? Hier wird wieder die spezifische Position von Experimentalfilmemachern, Video- und Medienkünstlern sichtbar, sowohl den Kunstbetrieb als auch die Unterhaltungs- bzw. Bewußtseinsindustrie adaptieren, analysieren und attackieren zu müssen.

Neben der Sezierung der Vermittlungsformen von Künstlerbildern besteht bei hollywood ebenso der Wunsch nach der Inszenierung des Selbst – weniger als persönlicher Ausdruck, denn als Erfüllung einer scheinbar fremdgesteuerten Instruktion. Die eingeübte Emotionalität der kleinen hollywood wird zur Farce und ist dennoch authentischer als die Bilder des großen Hollywood.

Nun hat sich ja die tausendfach zitierte und unumgängliche Aussage von Andy Warhol, jeder könne für fünf Minuten Superstar sein, insbesondere bei Serien und Soapoperas bewahrheitet. Auch wenn es auf RTL ein gleichnamige Sendung mit Dieter Bohlen gibt und Big Brother immer noch bedrohlich über den Köpfen der Medienkritiker und Kulturpessimisten schwebt, so war es doch immer die radikale Mittelmäßigkeit und die gleichermaßen unerklärliche wie nachvollziehbare Beliebtheit der Serien, die dem Motto Andy Warhols am nächsten kam. Im Falle der hier ausgestellten Arbeit „annette hollywood starring Regina Zirkowski“ befindet sich das Startum bereits im Titel. Neben dem affirmativ-ironischen mitunter zynisch-abgründigen Umgang mit den Ikonen der Massenmedien durch die Pop Art, spielt im Umgang mit dem Starwesen (oder Startum) der Feminismus bis heute eine herausragende Rolle – wenngleich mit anderen Intentionen und Strategien. So schreibt Laura Mulvey in ihrem berühmten und vielfach kritisierten Essay „Visuelle Lust und narratives Kino“ von 1973:

“Die Frau steht für sexuelles Anderssein, für die Abwesenheit des Penis (visuell verifzierbar), für die materielle Evidenz des Kastrationskomplexes, der von hoher Bedeutung für die Organisation des Eintritts in die symbolische Ordnung und das Gesetz des Vaters ist. So droht die Frau als Abbild, zur Schau gestellt für den Blick und die Lust von Männern, immer wieder die Angst zu wecken, die sie ursprünglich bezeichnete. Das männliche Unbewußte hat zwei Möglichkeiten, dieser Kastrationsangst zu entkommen: es kann entweder das Trauma erneut durchleben (die Frau untersuchen, ihr Geheimnis entmystifizieren), wobei ein Gegengewicht durch Abwertung, Bestrafung oder Rettung des schuldigen Objekts geschaffen wird [...], oder die Kastration ignorieren, indem es ein Fetischobjekt einsetzt bzw. die repräsentierte Figur selbst in einen Fetisch umwandelt, so daß sie eher ein Gefühl der Bestätigung als der Gefahr vermittelt (also Überbewertung, der weibliche Starkult).” (S. 40)

Mulveys Forderung nach Zerstörung der männlichen Blicklust und des dem herrschenden, kinematografischen Blicksystem immanenten Starwesens führt hollywood mit einem Strategiewechsel fort. Sie nimmt dabei die Warholschen Prinzipien zu Hilfe: Banalisierung, Laientum, Überführung des Besonderen und Glamourösen in das Alltägliche (Barbie – Du hast etwas Besonderes!) und Deillusionierung durch Fehlerhaftigkeit und Mangel. Der Star ist ein mediales Mangelwesen, das Mangelwesen ist ein medialer Star.

Aber nicht nur der Aspekt des Startums als massenmediale Fortführung eines Bereichs des Volkstums, wie dies Künstler von Joseph Cornell bis Andy Warhol abgehandelt haben, gilt es in hollywoods Arbeit zu verfolgen. Die Aneinanderreihung von Fake-Identitäten in „annette hollywood starring Regina Zirkowski“ nimmt ähnliche tautologische Züge an wie jede Serie, wie jedes filmische Genre, das einem Format entsprechen muß. Dementsprechend ist in der Installation „annette hollywood starring Regina Zirkowski“ weniger wichtig, daß annette hollywood leibhaftig präsent ist. Die Artefakte bildender Kunst und ihre Konventionen des Präsentierens, z.B. das Aufhängen von Bildern bzw. Aquarellen in gleichmäßigen Abständen und in gleichmäßiger Höhe, repräsentiert hier die bildende Künstlerin annette hollywood. Dieser Akt der Repräsentation ist eine Spiegelung der Videoloops, die die Künstlerin Regina Zirkowski aus der Serie „Marienhof“ zeigt. Vorgeführt werden die typischen Handbewegungen bzw. Betätigungen eines Künstlers; zumindest wie sich diese Betätigungen die Zielgruppe der Seriengucker nach Auffassung der Drehbuchautoren vorstellt: das abstrakt-expressive Actionpainting bei Barockmusik und die stolze Zeigehandlung bei der Ausstellungseröffnung. Die Videoloops sind durch Wiederholung von hollywood verfremdet und rhythmisiert nach der Konvention und Manier der Medienkunst.

Auch in dem Zusammenhang des Malaktes ist bei aller Ironie und Subversion eine Ambivalenz zwischen Malerei und Film/Fernsehen, stillem Bild und bewegtem Bild, sog. alten und neuen Medien zu spüren. Angela Dalle Vacche schreibt in der Einleitung zu ihrem Buch „Cinema and Painting“: „Thus the history of art is in film, even though, by evoking high art and creativity, rather than technology and mass culture, painting for the cinema constitutes a forbidden object of desire. This relation of love and hate between cinema and painting is further complicated by the tendency of art history to be evoked well beyond the boundaries of a text or the intentions of a filmmaker.“ Sicherlich ist das groß angelegte Kunstkino eines Michelangelo Antonionis oder F.W. Murnau nicht mit einer Vorabendserie zu vergleichen, doch die Frage nach der intermedialen Qualität bleibt. Das intermediale Niveau von Marienhof scheint eben den Anforderungen einer Soap Opera zu entsprechen und bewegt sich in einem eng begrenzten Regelsystem der Repräsentation von Charakteren und Erzählkonventionen.

Der Marienhof-Charakter wird dargestellt durch die Schauspielerin Susanne Steidle, die vierte im Bunde dieser burlesken Maskerade – neben Annette Hanisch und ihrer Künstleridentität annette hollywood und Regina Zirkowski. Zu erwähnen ist, daß die Schauspielerin Steidle selbst ein Gaststudium in den Fächern Graphik und Bildhauerei an der Universität Essen belegt hat.

Auch annette hollywood hat vor ihrer Hinwendung zur Medienkunst Bildhauerei – genauer Holzbildhauerei – praktiziert. Auch annette hollywood malt Aquarelle: zwölf handwerklich virtuose Aquarelle aus der Marienhof-Serie, die mit den Zwischentiteln und der Porösität wie ein viragierter Nitratfilm aus der Stummfilmzeit daherkommen – oder wie ein ausgemaltes Storyboard - oder wie ein mit Photoshop bearbeitetes Videostill. Die Malweisen von hollywood und Zirkowski unterscheiden sich erheblich. Zirkowskis wuchtig-ungestümes Actionpainting ist progressiver im Sinne einer Teleologie der Kunstgeschichte à la Clement Greenberg, hollywoods Aquarelle sind Malerei nach der Malerei. Die Aquarelle postulieren, was der Malerei heute geblieben ist. Die manuell analoge Übertragung von Medienimages auf einen stabilen Träger mit den diversen Informationsverlusten und -veränderungen, die durch den Malakt entstehen. So wie Porträtfotografen zur Anfangszeit der Fotografie das Porträtgemälde imitierten, so adaptiert in dieser Inversion die Aquarellmalerei die Medienszenerie. Schließlich beruht die Kunst – seit es sie gibt, also seit der Renaissance – auf der Imitation und der Adaption. Wäre es jedoch möglich gewesen, daß die Künstlerin Regina Zirkowski in Marienhof die Motive ihrer Malerei aus Vorabendserien entnimmt? So viel Selbstreferentialität scheint jedoch nicht möglich. So bleibt es bei der Bilderserie einer Fernsehserie.

In einer weiteren Hinsicht erhofft sich der Betrachter der Installation eine letzte Konsequenz: den Gastauftritt von annette hollywood als Medien- und Konzeptkünstlerin in Marienhof.