videostill BIGASSO BABY - A HIP HOP PERFORMANCE ART FILM, 2014

 

BIGASSO BABY

Video
dur 10:45min, HDcam, colour, sound, 2014

Director, script, editing, lyrics, artwork: annette hollywood // Director of Photography: Armin Dierolf // Camera Assistant: Anna Marziano // Starring: annette hollywood and Dorothea Tuch

Installation

Galerie Futura, Berlin, 2014

dt/engl
Die neueste Arbeit der Berliner Künstlerin annette hollywood ist eine offensive Antwort auf das Musikvideo Picasso Baby: A Performance Art Film des kommerziell erfolgreichen Rappers Jay-Z. Im Zentrum steht der "Answer Song" Bigasso Baby, mit dem hollywood Jay-Zs Rap Picasso Baby im Battle-Stil angreift und direkt auf die von ihm heraufbeschworenen Ikonen von Reichtum und seine Vorstellung von Kunst als Statussymbol und Ware reagiert. annette hollywood antwortet ebenfalls mit einem Musikvideo, in dem sie sich, in eigener Hip Hop-Manier mit entsprechenden Symboliken, dem Kunstraum und Studio den Rücken zukehrend, in den Berliner Stadtraum begibt. Für das Video performt hollywood den Rap an Orten, an denen Kunst als Street Art oder anderen nicht-kommerziellen Präsentationen eine gegensätzliche Bedeutung gewinnt und zum ideellen Freiraum für Experiment und kritische Reflexion wird. In ihrem "Answer Song" verhandelt hollywood das Spannungsfeld von Kunst zwischen Kommerzialisierung und Idealismus, inhaltsleerer Inszenierung und kritischer Intervention, Insignie von Reichtum und der realen Prekarität vieler Kunstschaffender, die häufig in Selbstausbeutung mündet, sowie als Feld ungleicher Zugangsbedingungen und von Ausschlüssen.
Das Video ist zentraler Bestandteil einer speziell für den Ort galerie futura in Berlin entwickelten Rauminstallation, die sich als eine Persiflage auf das White-Cube-Event in der PACE Gallery in New York versteht, mit dem sich Jay-Z im letzten Jahr in die marktorientierte Kunstszene einzuschreiben suchte. Jay-Z reagierte mit seiner Videoinszenierung auf die Performance The Artists Is Present von Marina Abramovic im MoMA (New York) und kann als Hommage an ihre Arbeit gelesen werden. hollywoods ironisches Aufgreifen der Insignien einer White-Cube-Kultur brechen mit eben dieser. Indem sie die einzelnen Details – etwa ein hochprofessionell produziertes Ausstellungsdisplay, ein überdimensioniertes Banner, Fotos mit Statussymbolen wie einer Luxuslimousine – aufgreift und re-interpretiert, macht sie den Ausstellungsbetrieb als Inszenierungsform sichtbar. Die Re-Interpretation dieser Elemente findet jedoch in kontrastierender DIY-Manier statt. Diese spiegelt zum einen die prekären Produktionsbedingungen wider, mit denen sich die Künstlerin immer wieder konfrontiert sieht und mit denen sie sich stets aufs Neue künstlerisch und selbstbewusst auseinandersetzt. Zum anderen können sich hier aber auch andere Handlungsspielräume öffnen, die eine marktorientierte Instrumentalisierung und Kommerzialisierung gezielt unterlaufen. Zugleich wird damit eine Haltung deutlich: gegen eine inhaltsleere, konsumzentrierte Ästhetik und Inszenierung und für eine reflektiert-engagierte Kunstproduktion, die trotz widriger Umstände einen Weg findet, sich mitzuteilen.
Ein weiteres Element der Inszenierung, ist ein goldener, sich über zwei Finger erstreckender Ring mit dem Schriftzug "Bigasso", den hollywood auch in ihrem Video zentral in Szene setzt. Der Ring ist Teil von hollywoods Serie Artist Name Rings (work in progress). Er ist in Anlehnung an den bereits 2007 angefertigten Ring "Pablo Bigasso" entstanden und findet in der aktuellen Auseinandersetzung eine zugespitzte Neuverwertung.
In einer detektivisch anmutenden Rechercheecke als ein weiterer Teil der Rauminstallation werden Kontexte der Entstehung und Rezeption von Jay-Zs Performance Art Film untersucht und dessen Zusammenhänge aufgezeigt. Dabei werden auch die Schieflagen von Verwertung und Nutznießen markiert, wenn z. B. offengelegt wird, dass Jay-Z für seine Produktion frei aus dem Internet verfügbare "commons" kommerziell verwendet.
Wie bereits in früheren Arbeiten der Künstlerin, die sich in spielerischer Weise Methoden des Hip Hop und der Popkultur zu eigen macht, werden in Bigasso Baby unhinterfragte sexistische Aussagen gedisst und mit der Forderung nach einer feministischeren Haltung konfrontiert. Zudem stehen erneut die Mechanismen des Kunstsystems, insbesondere das Zelebrieren der Kunstwelt als Starsystem und Lifestyle-Choice sowie ein marktzentriertes Verständnis von Kunst, im Fokus von hollywoods kritischer Hinterfragung. Ihre explizite Forderung lautet: faire, ausbeutungsfreie Bezahlung aller Kulturschaffenden, statt einer absurd anmutenden Überbezahlung weniger Akteur_innen gegenüber einer (selbst-) ausbeuterischen Unter- bis Nichtbezahlung der Mehrzahl. Damit wird der Kunstkontext auch als Synonym einer fortschreitend neoliberal gestalteten Arbeitswelt lesbar.

^

engl

The latest work of Berlin artist annette hollywood is a direct answer to the music video Picasso Baby: A Performance Art Film by the commercially successful rapper Jay-Z. Central to this work is hollywood's "answer song" Bigasso Baby, in which she, all battle-style, attacks Jay-Z's Rap Picasso Baby. Here she reacts directly to the icons of wealth and the interpretation of art as a status symbol and commodity, evoked by Jay-Z's video.
annette hollywood also answers with a music video in which, using her own Hip Hop style with respective symbolics, she leaves the art space and the studio to enter the urban space. For the video, hollywood performs the rap at places at which art gains a completely different meaning, as street art or other non-commercial forms of representation, and becomes a free, idealistic space for experiment and critical reflection.
The video is an essential part of a space installation in the Berlin based gallery galerie futura. hollywood simultaneously takes on and ironically deconstructs the icons of the white cube culture performed in Jay-Z's art event in the PACE Gallery in New York last year, with which he attempted to access the market-orientated art community. His video enactment can be read as homage to the performance The Artists Is Present by Marina Abramovic at the MoMA (New York) in 2010. By using and re-interpreting specific details of Jay-Z's highly polished performance and installation, such as a high end exhibition display, an oversized banner, photos with luxury cars and the like, hollywood focuses on the economy of the making of exhibitions itself as a means of a staging. However, this re-interpretation of those elements happens in a contrasting DIY-style. On the one hand it reflects the precarious working conditions of the artist and her way of continuously dealing with them, artistically and self-confident. On the other hand it has the potential to promote other options of agency that undermine a market-orientated instrumentalization and commercialization of artistic production. The message is: against an empty, consumption-orientated aesthetic and pro a reflected and engaged art.
As in former works of the artist, who playfully adopts practices of Hip Hop and pop culture, in Bigasso Baby hollywood challenges unchallenged sexist statements. And again she critically questions the mechanisms of the art system, especially the celebrating of the art world as a star system and a lifestyle choice, as well as an understanding of art as orientated on the market. Her explicit demands are: a fair pay, free of exploitation, of all cultural workers, instead of an absurd overpay of a few players compared to a (self-)exploitative under- or non-pay of the majority. Hence, the art context becomes readable as a synonym of a proceedingly neoliberal working world.